W.A. Mozart Quartett F-Dur K.V. 370 für Oboe, Violine, Viola und Violoncello
In dem äußerst umfangreichen kammermusikalischen Schaffen Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) nehmen die Quartette mit einem Blasinstrument (neben dem Oboenquartett hinterließ er vier Flötenquartette) einen zumindest zahlenmäßig eher bescheidenen Rang ein, doch ist das Oboenquartett in F-Dur, KV 370, wohl das bekannteste Werk dieser kammermusikalischen Gattung. Das Stück weist keine originale Datierung auf, ist aber wahrscheinlich zu Beginn des Jahres 1781, also zur Zeit der Uraufführung des »Idomeneo« entstanden. Dabei passte Mozart die Oboenstimme des Quartetts ebenso wie die der Oper unmittelbar den solistischen Fähigkeiten seines Freundes Friedrich Ramm an, der als einer der besten Oboisten seiner Zeit galt. Außer diesem Gefälligkeits- und Glanzstück hatte Mozart für Ramm bereits 1778 den Oboenpart seiner Sinfonia concertante, KV 297b, komponiert.
Der erste Satz des Quartetts (Allegro) ist erfüllt von melodiöser Schönheit, wobei Oboe und Violine einen ständigen, liebevollen Dialog führen. Das folgende Adagio beschwört mit seinem dramatischen und ernsten Gestus den beredten Charakter einer Arie, und das abschließende Rondeau (Allegro) wird von einem volkstümlich-tänzerischen Motiv voller Witz und Charme dominiert. Hier kommt Mozarts Humor zum Ausdruck, wenn er etwa die Oboenstimme im 4/4-Takt gegen den 6/8-Takt der Streicher spielen lässt. Mit virtuosen Läufen endet das Werk in heiterer Stimmung.
Louis Massonneau Quartett Nr.1 F-Dur
Der in Kassel geborene Louis Massonneau, der nach Konzertmeisterposten in Göttingen, Frankfurt, Altona und Dessau ab 1803 Hofkapellmeister in Ludwigslust (Mecklenburg) war, ist trotz vielfältigen, umfangreichen Schaffens als Komponist nahezu in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie das erste seiner drei Oboenquartette beweist. Es bietet – wie die meisten Stücke dieses Genres – der Oboe die reichsten Entfaltungsmöglichkeiten, hat aber auch für die Streicher dankbare Aufgaben. Mit ihren ganz unterschiedlichen Themen verraten die einzelnen Sätze ausgeprägtes Klanggefühl und lyrische Begabung in klassischer Tradition und lassen ahnen, warum Massonneaus 3. Sinfonie als direkter Vorläufer von Beethovens „Pastorale“ bezeichnet worden ist.
Max Reger Streichtrio op. 77 b Am 5. Juni 1904 schreibt Reger: „Mir ist's absolut klar, was der heutigen Musik mangelt: ein Mozart! - Und nun ganz offen: die ersten Früchte dieser Erkenntnis sind: op. 77 a Serenade für Flöte, Violine u. Viola und op. 77 b Trio für Violine, Viola u. Violoncello.“ Der gelöste, gelegentlich gar heitere Charakter dieses bewusst klassizistischen Werkes sucht in Stil und Anspruch offensichtlich den Bezug zu Werken gleicher Gattung, wie Mozarts Divertimento Es-Dur KV 563 oder den Streichtrios op.9 von Ludwig van Beethoven. Die Uraufführung am 29. November 1904 in München erlangte ungeteilte Zustimmung. Reger - zu dieser Zeit mit Erfolgen nicht gerade verwöhnt und von der Kritik oftmals verhöhnt – berichtet voller Überschwang:“Op. 77 b hatte gestern hier durchschlagenden Erfolg! Das Scherzo mußte sofort wiederholt werden. Das will doch bei der Uraufführung eines Kammermusikwerkes sicher viel heißen!“ Ludwig van Beethoven (1770-1827) Streichtrio c-moll op.9 Nr.3
Das sehr ernste dritte Trio der Werkgruppe bildet einen deutlichen Gegenpol zu den anderen beiden, die eher ungetrübte, unproblematische Gelöstheit ausstrahlen. Schon die Wahl der Tonart c-Moll deutet auf ein tiefleidenschaftliches und dramatisches Werk hin.
Bereits im Allegro con spirito wird die Weite des Ausdrucksbogens deutlich: Das unisono einsetzende Hauptthema scheint auf engstem Raum alle Spannungselemente des folgenden Satzes zu enthalten. Das hier aufgebaute Konfliktpotential wird im folgenden Adagio in C-Dur, das den verinnerlichten Schwerpunkt des Werkes bildet, nicht aufgelöst. Ebenso wenig führt das Scherzo zu einem Gegengewicht zur düsteren c-Moll-Stimmung. Zudem kommt mit der gelegentlich synkopierenden, widerborstigen Rhythmik eine unruhige Nervosität auf. Erst im Finale werden der ernsten Atmosphäre versöhnliche Zwischentöne hinzugefügt. Im Hinblick auf das Werkganze unerwartet endet das Finale in einem versöhnlichen C-Dur, auch wenn es sich im Pianissimo und dreigestrichenen Höhen verflüchtigt. Insgesamt ist das Werk von außerordentlicher Geschlossenheit und Dichte und nimmt den reifen Streichquartett-Stil Beethovens vorweg.
Jean Françaix (1912-1997) Quartett für Englischhorn, Violine, Viola und Violoncello
Jean Françaix hatte mit seinem Bestreben, wie es Ingeborg Allihn formulierte, ernste Musik ohne Schwere zu komponieren eigentlich immer Erfolg. Gerne setzt er ironische Akzente. In ihnen mag man nicht nur französischen Geist, sondern auch Strawinskys Einflüsse hören, doch fehlen ihm dessen Schroffheit und gelegentliche Brutalität. Seine Musik bleibt immer heiter, charkterisiert durch Feingefühl. Hervorzuheben ist sein Umgang mit Blasinstrumenten, für die er mehrere Kammermusikwerke schrieb.
Dabei kombinierte Françaix diese gern mit Streichinstrumenten, wie z.B. im 1970 entstandenen Quartett für Englischhorn, Violine, Viola und Violoncello. Er arbeitet hier mit kurzen Motiven und schuf eine Musik, die sich durch klare Linien, eine durchsichtige Harmonik und die Transparenz des Klangbildes auszeichnet.
W. Güdden (*1964) / R.Philippi (*1963) ZAP für 5 Räume
ZAP ist entstanden im Sommer 1997 anlässlich einer Finissage im ArToll-Kunstlabor in Bedburg-Hau bei Kleve am Niederrhein. Ausgangspunkt waren zwei (ZAP1 und ZAP2) von einander unabhängige 3-minütige Kompositionen für Flöte, Oboe, Klarinette und Violoncello für die auf einer Achse gelegenen 5 Räume des ArToll-Kunstlabors. Jedem Instrument war ein Raum zugewiesen, während das Auditorium sich im mittleren Raum befand. Die identische Dauer beider Kompositionen legte einen Versuch nahe, beide Stücke auch noch simultan aufzuführen. Da es für die vier Musiker aber unmöglich ist zwei Werke gleichzeitig zu spielen (ZAP3), gibt es nur eine Möglichkeit dieser Idee nahe zu kommen: Sie müssen zwischen den Kompositionen "zappen", sozusagen zwischen den den "Programmen hin- und herschalten". Wann sie dieses tun, bleibt ihnen überlassen und bietet bei jeder Aufführung ein unterschiedliches Ergebnis. Bei späteren Aufführungen wurde ZAP mit 8 Musikern realisiert und auf einer von der Stiftung Kunst und Kultur des Landes NRW geförderten CD des ArToll-Ensembles eingespielt. Für die Eröffnung des 1. Flensburger Kunstkilometers wurde ZAP für Streichquartett bearbeitet und vom Trio Laseyn und Karoline Bender (2. Violine) erstmals aufgeführt.
Franz Schubert (1797-1828) Streichtrio B-Dur D 471
Franz Schubert war ein äußerst fleißiger Komponist. Als er sein Trio in B-Dur schrieb, arbeitete er gleichzeitig an einigen Liedern, an einer Ouvertüre und an seiner 5.Sinfonie. Möglicherweise hat er das Trio als 4-sätziges Werk geplant. Wenn ja, dann ist es ein Fragment geblieben, denn er hat den 2.Satz zwar noch begonnen, aber nach 39 Takten abgebrochen. Wir wissen es nicht genau. Was aber viel mehr zählt: der erste Satz Allegro, vollständig erhalten, ist ein musikalisches Kleinod.
Viktor Ullmann (1898 - 1944) Drei Lieder für Singstimme und Streichtrio
In einem Brief vom 1. Juni 1943 an Otto Zucker, den Leiter der so genannten Theresienstädter "Freizeitgestaltung", beschwert sich Ullmann auf bitterste Weise, dass im Ghetto zwar mit zahlreichen Konzertveranstaltungen ein reichhaltiges Musikleben ermöglicht worden sei, die Eigenkompositionen der inhaftierten Musiker jedoch kaum eine Chance auf Aufführung besäßen. Ullmanns Lieder der Tröstung nach Texten von Albert steffen warteten zu diesem Zeitpunkt auf ihre Uraufführung. Ob Ullmann das bereits am 24. Januar 1943 vollendete Herbst-Lied für Singstimme und Streichtrio nach einem Gedicht von Georg Trakl mit unter den Zyklus der Lieder der Tröstung summierte, ist leider nicht belegt. Gerade dieses Lied ist als Reinschrift in einer Streicher-Partitur mit drei Systemen erhalten. Die Lieder der Tröstung hingegen notierte der Komponist jeweils in einem Manuskript mit Singstimme und streckenweise vierstimmig geführtem "Klaviersatz"-Particell. Dies bot zeitweise Anlass zu Spekulationen, es könne sich bei der Begleitung nicht um eine Streichtrio-Besetzung, sondern um ein Streichquartett handeln. Bereits in seinem Brief an Zucker jedoch hat Ullmann die Lieder ausdrücklich mit Streichtrio-Begleitung verzeichnet. Mit seiner Intervention bei Otto Zucker hatte Viktor Ullmann zumindest teilweise Erfolg. Noch im gleichen Monat wurden Ullmanns Meyer-Lieder mit Klavier uraufgeführt. Ob seine Lieder mit Streichtrio-Begleitung ebensfalls bereits in Theresienstadt erklungen sind, ist dagegen nicht dokumentiert. Am 16. Oktober 1944 wurden Viktor und Elisabeth Ullmann gemeinsam mit zahlreichen weiteren Mitgliedern der "Freizeitgestaltung", unter ihnen Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása, Peter Kien und Karel Ancerl (der als einziger aus dieser Gruppe überlebt), nach Auschwitz deportiert, wo sie zwei Tage später ermordet wurden. Zuvor gelang es Ullmann, die Manuskripte der in Theresienstadt entstandenen Werke, mit Ausnahme des Manuskripts zur "Bühnenmusik zu einem Francois-Villon-Spiel" (uraufgeführt am 20. Juli 1943 und etwa vierzig Mal aufgeführt), an den Leiter der Theresienstädter Bibliothek, Prof. Emil Utitz zu übergeben, um sie vor der Vernichtung zu bewahren. Prof. Utitz übergab sie entsprechend Ullmanns Bitte nach dem Krieg an Dr. Hans Günther Adler, der sie 1987 dem Goetheanum in Dornach anvertraute. Von dort gingen sie 2002 an die Paul-Sacher-Stiftung in Basel.